Karl Kraus

Bildung ist das, was die meisten empfangen, viele weitergeben und wenige haben.

Bildung ist eine Krücke, mit der der Lahme den Gesunden schlägt, um zu zeigen, dass er auch bei Kräften ist.

Das Geheimnis des Agitators ist, sich so dumm zu machen, wie seine Zuhörer sind, damit sie glauben, sie seien so gescheit wie er.

Das Wort Familienbande hat einen Beigeschmack von Wahrheit.

Der Schwache zweifelt vor der Entscheidung, der Starke danach.

Die Medizin: Geld her und Leben!

Die Welt ist ein Gefängnis, in dem Einzelhaft vorzuziehen ist.

Diplomatie ist ein Schachspiel, bei dem die Völker matt gesetzt werden.

Ein Blitzableiter auf einem Kirchturm ist das denkbar stärkste Misstrauensvotum gegen den lieben Gott.

Ein Psychiater ist ein Mann, der sich keine Sorgen zu machen braucht, solange andere Menschen sich welche machen.

Er hatte so eine Art sich in den Hintergrund zu drängen, dass es allgemein Ärgernis erregte.

Erotik ist die Überwindung von Hindernissen. Das verlockendste und populärste Hindernis ist die Moral.

Es ist nicht wahr, dass man ohne eine Frau nicht leben kann. Man kann bloß ohne eine Frau nicht gelebt haben.

Gedanken sind zollfrei, aber man hat doch Scherereien.

Gute Aussichten sind wertlos. Es kommt darauf an, wer sie hat.

Karriere ist ein Pferd, das ohne Reiter vor dem Tor der Ewigkeit anlangt.

Kein Zweifel, der Hund ist treu. Aber sollen wir uns deshalb ein Beispiel an ihm nehmen? Er ist doch dem Menschen treu und nicht dem Hund.

Kleine Nationen sind stolz darauf, dass die Schnellzüge an ihnen vorbeifahren müssen.

Nicht alles, was totgeschwiegen wird, lebt.

Man glaubt gar nicht, wie schwer es oft ist, eine tat in einen Gedanken umzusetzen.

Man glaubt gar nicht, wie viel Hässlichkeit die angestrengte Beschäftigung mit der Schönheit erzeugt.

Philosophie ist oft nicht mehr als der Mut, in einen Irrgarten einzutreten. Wer aber dann auch die Eingangspforte vergisst, kann leicht in den Ruf eines selbständigen Denkers kommen.

Ungeschoren zu bleiben ist der Wunsch aller Schafe.

Was mich immer tief alteriert hat, das ist die Selbstverständlichkeit, mit der die meisten Menschen ihr Gesicht tragen.

Was zugunsten des Staates begonnen wird, geht oft zuungunsten der Welt aus.

Wenn alle Stricke reißen, häng ich mich auf!

Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge einen Schatten.

Wo die Sonne der Weisheit am tiefsten steht, werfen selbst Zwerge große Schatten.


Karl Kraus (* 28. April 1874 in Jičín (deutsch: Jitschin oder auch: Gitschin), Böhmen, damals Österreich-Ungarn, heute Tschechien; † 12. Juni 1936 in Wien) war einer der bedeutendsten österreichischen Schriftsteller des beginnenden 20. Jahrhunderts, ein Publizist, Satiriker, Lyriker, Aphoristiker, Dramatiker, Förderer junger Autoren, Sprach- und Kulturkritiker – vor allem ein scharfer Kritiker der Presse und des Hetzjournalismus oder, wie er selbst es ausdrückte, der Journaille.
Quelle: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie