Christa Schyboll – Aphorismen Teil 2

Eine Frau spürt spätestens dann ihr Alter, wenn sie in Gedanken an ihre ehemalige Pfirsichhaut plötzlich Orangen assoziiert.

Die Raffinesse manch schöner Frau erfährt ihren Höhepunkt dann, wenn sie selbst eine kleine Warze als besonderes Schönheitsattribut zu vermarkten versteht.

Wenn die Rückenflosse der „Bad News“ auf dem See der Neuigkeiten auftaucht, stürzen sich die Reporter wie Haie selbst auf harmlose Bürger.

Wer darauf wartet, dass der Chef erst bei der nächsten Kontinentalverschiebung seinen Posten räumt, könnte seinen Abgang vielleicht beschleunigen, in dem er ihm schon mal die neueste Bilanz der Magnetfeldveränderung in der ihm unterstellten Marketingabteilung unterschiebt.

Stille ist der lautlose Herzschlag des Universums in deiner Seele.

Wenn Steine hundert Tausende von Jahren ohne zu murren ruhig am gleichen Fleck liegen können, müsste es dir doch möglich sein, fünf Minuten Verspätung ohne Lamento zu ertragen.

Wer sein Denken lediglich durch die Vordertür seines Bewusstseins in die Diskussionsrunden entlässt, läuft Gefahr, dass durch die Hintertür sich die Gefühle der Gesprächspartner eingeschlichen haben und dort bereits längst eine andere Party feiern, von der man selbst bereits ausgeschlossen ist.

Wenn ich daran denke, dass gerade jemand an mich denkt, überkommt mich eine spürbare Unruhe bei dem Gedanken, dass er sich dabei nur einem Teilaspekt meines wahren Wesens nähern könnte und mich dann als Zerrbild seiner eigenen Vorstellungen sieht.

Warum nur empfinde ich das systolische Pochen im Herzen eines langsam atmenden Waldes so gleichgeschaltet mit dem nur langsam steigenden Dax-Wert?

Der Rat eines Narren mit gutem Bodenkontakt kann klüger sein, als die Voraussage eines Analysten im Flieger zwischen London und Brüssel.

Weil das Unerwünschte nicht immer das „Falsche“ ist, ist das Erwünschte deshalb auch nicht immer das „Richtige“.

Wer seine Ohren frühzeitig in den Wachstumsgerüchtewald wachsen lässt, braucht sich später nicht seine Augen erschrocken zu reiben, wenn die Aktienbewertung wieder einmal steil nach unten zeigt.

Wendet sich im Land die politische Stimmung in eine kriegerische, so zieht damit tiefer Frieden in die Waffenlobby ein angesichts der zu erwartenden neuen Entwicklungen.

Staatsgeschäfte prosperieren nicht selten in Zeiten kreativer Anspannung.

Wer sich mit zwanzig Jahren als Frau ein gestaltmäßiges Trägheitsmoment wünscht, das eine möglichst lange jugendliche Frische garantiert, stellt häufig mit vierzig fest, dass dieses Trägheitsmoment weniger die Gestalt als den Geist erfasst hat.

Wenn Ideen aus dem Schwarzen Loch der Ahnungen kriechen und nach Aufmerksamkeit rufen, sollte man sie zunächst einmal vertrauensvoll ins Helle neuer Gedankenüberlegungen ziehen, statt sie im Sack der alltäglichen Überforderung allzu schnell zu entsorgen.

Wenn sich die Gedanken erst einmal so verdreht haben, dass man damit edlen Wein entkorken könnte, ist nicht mehr ernsthaft damit zu rechnen, dass der Gedankenanalyse noch hieb- und stichfest zu vertrauen ist.

Was vorher schon fehlt, kann nachher schlecht vorhanden sein.

Während sich im düsteren Wald des Unbewussten die helle Wahrheit oftmals verbirgt, zeigt sich in der Helle des klaren Tagesbewusstseins oft die Düsternis durch fehlerhafte Interpretation der Gedanken.

Für die übersättigten Gourmets der reichen Welt könnte das Knabbern an einem antiken Keks unter Umständen der letzte Kick für die verwöhnten Geschmacksknospen sein.

Wenn das Ich in seine kleinen Selbstsphären zersplittert, lässt es in der Kommunikation mit dem Du oft eine gewisse Irritation zurück.

Durch die seltsame Art von Attraktivität, die manch ein Wahlversprechen auslöst, subsumieren sich so manche Stimmen in Form von Verweigerung.

Mit unheilvoller Gleichgültigkeit werden nicht selten neue Gesetze verabschiedet, die die Gleichwertigkeit allen Seins nicht mehr gleich gültig erscheinen lassen, sondern gleichgültig.

Auch schwere Zeiten haben die Verpflichtung, ihre Minuten im Sechzigsekundentakt ordentlich einzuhalten.

Wenn unüblich üble Ereignisse nichtüblen Menschen zustoßen, müssen unüble Ereignisse deshalb nicht zwangsläufig den Übelsten passieren.

Wer das versteht, was eigentlich nicht gemeint war, meint am Ende, das Richtige falsch verstanden zu haben, sofern er keine Bestätigung über die Richtigkeit seines Denkumweges erhält.

Die Wahlkandidaten, die es schaffen, sich vor der Wahl noch durch das neue Parteiprogramm tapfer durch zu denken, verzichten nicht selten dann kurzfristig auf ihre Kandidatur.

Ein besonderes Zeichen wahrer politischer Macht ist es, alle Macht jederzeit zur Verfügung zu haben, sie voll nutzen zu können und dennoch so weise zu regieren, dass ihr Gebrauch niemals nötig wird.

Wer einem sehr feinen, uralten Adelsgeschlecht entstammt ist genetisch nicht zwangsläufig dazu verdonnert, deshalb unintelligent zu sein.

Wer das Wasser im unteren Elbabschnitt für eher langweilig hält, könnte mittels eines Mikroskops eines Besseren belehrt und mit erbaulichen Stunden belohnt werden.

Wessen Zahnfleisch noch bedrohlicher wirkt, als die darin verankerten Zähne, sollte die neuen Kommunikationsformen nonverbalen Austauschs vorziehen oder alternativ einen Zahnarzt aufsuchen.

Wer Regeln verletzt, ohne sie besonders gründlich dabei gebrochen zu haben, ist in gewisser Weise ein Dilettant.

In den verzerrten Karikaturen scheinbar neurotischer Künstler liegt manchmal eine unbarmherzige Wahrheit, die man unter dem Aspekt einer bisher nicht öffentlichen Ehrlichkeit betrachten sollte.

Auf dem Humus des unheilvollen Zorns eines Abgeordneten, wuchert manchmal der Samen einer unangenehmen Wahrheit.

Das Bewusste im Menschen dient dem Unbewussten. Es ist sich dessen aber nicht bewusst, obschon es aus unserer Sicht doch das Bewusste ist.

Wenn Chaos Gottes eigensinniger unergründlicher Wille ist – Ist Ordnung dann vielleicht Gottes menschenfreundliche Zugeständnis an unseren kleinen Verstand?

Im Gewordenen liegen die Erfahrungen deiner Vergangenheit – Im Werden liegen die Chancen deiner Zukunft – Im Sein liegt deine Ewigkeit

Über „ZEIT“ sollten wir ernsthaft nachdenken wenn es uns wahrhaft als möglich erscheint dass die Unendlichkeit nur im Plural zu fassen ist

Das Ei und die Henne – Der Plan und der Planer – Die ewige Frage nach dem göttlichen Sein Wer war zuerst da – Wer wirkte mit welchen geheimen Mächten – Auf die Entstehung des Geistig und Physischen ein ?

Willst du dich schädigen, nimm Schlaftabletten ein denn sie werden das träumende Selbst daran hindern mit dem Körper nachts eine Einheit zu sein!

Wen das Brummen einer Fliege noch stört, hat bei seiner Meditation noch nicht das Brummen von zwei Fliegen in verschiedenen Ecken eines Zimmers gleichzeitig gehört.

Der Tod stirbt dann, wenn das Leben so lebendig geworden ist, dass seine Vitalität sich nicht mehr erschöpft. Der Tod stirbt dann, wenn wir die Gottesdurchdringung im Herzen erfahren.

Ich teile mit Milliarden von Menschen die Erde, aber mit niemandem meine Einzigartigkeit.

Dem Namenlosen geben wir Namen, den Göttern eignen wir Eigenschaften zu, den fernen Welten verordnen wir unsere Gesetze, doch uns selbst kennen wir nicht!

Künstlerisches Vermögen ist der fragile Schwebezustand zwischen nachhaltiger Veredelung und Degeneration bis an die Todesgrenze.
Ich bin noch immer ich, aber mehr als je zuvor und werde, wenn ich sterbe, ein noch größeres Ich sein. Vielleicht einmal so groß, dass ich dann jedes Du geworden bin.

Wenn das Wort, schärfer ist als ein Schwert, ist ein Satz, dann potenter als ein Heer? Und sind Seiten weiser Sätze dann gefahrvoller als entfesseltes Atom?

Wenn das Wort aber nur ein Schatten ist vom wahren Gefühl, ist das wahre Gefühl, dann nur ein Schatten einer ersten Idee? Fühlte sich die Idee ins Sein oder dachte sich das Sein ins Gefühl und schuf dabei das Wort, das stärker ist als ein Schwert?

Jene Art von Dummheit, die sich kaum zum Narren halten lässt, wird im allgemeinen Intelligenz genannt. Sie scheint so etwas Endgültiges und Unverrückbares für ihren Träger zu haben, dass er sich stolz als ihr Besitzer fühlt. Da sie sich aber eben nicht zum Narren halten lässt, fehlt ihr leider auch der Humor und hat auch nichts zu lachen und ist halt jene Art von Dummheit, die…

Nicht die Atomwaffen der Mächtigen bedrohen unser Leben, sondern ihre nicht gelebte Freude. Nicht die Chemiewaffen der Nationen gefährden unser Sein, sondern ihre nicht gelebte Sanftheit. Nicht Viren und Bakterien der Diktatoren werden töten, sondern tödlich ist die nicht gelebte Liebe.

Reicher Konsum heuchelt uns eine Qualität des Wohlergehens vor, doch führt sie uns vielleicht in das Verderben durch Übersättigung.

Mit hehren Erlösungsgedanken allein wirst du keinen Himmel erreichen. Mit Gebeten allein wirst du keinen Gott erschauen. Mit einem kleinen Danke an deinen Nächsten für sein So-Sein-an-Sich könntest du vielleicht das erste Türchen öffnen, damit der Himmel schon mal nach dir schauen kann.